Betriebliche Interessenvertretungen FB 4 NRW

Personalrätekonferenz FB 4 NRW Indirekte Steuerung 2017

Personalrätekonferenz FB 4 NRW Indirekte Steuerung 2017

„Für so schlau hätten wir unsere Führungskräfte nicht gehalten“-
Personalrätekonferenz des ver.di Fachbereich Sozialversicherung in NRW diskutiert engagiert die Folgen indirekter Steuerung in einer Arbeitswelt 4.0

                                                                                                                                 Düsseldorf, 01/2018


„Das scheinbare Chaos hat System“ - dies war eine der wesentlichen Erkenntnisse der Personalrätekonferenz am 28.11.2017 in Düsseldorf. Der Philosoph Stephan Siemens stellte die gegenwärtigen Formen der Arbeitsorganisation dar, die in den kritischen Sozialwissenschaften „indirekte Steuerung“ genannt werden. Anhand der Kritik der Arbeits- und Organisationspsychologie machte er durchsichtig, wie Unternehmen und Behörden heute organisiert sind. Führungskräfte führen heute nicht mehr direkt - über Anweisungen - sondern indirekt durch das Setzen von Rahmenbedingungen. Dabei werden Teams durch Kennzahlen und andere Methoden so gesteuert, dass sich die Kolleginnen und Kollegen selbst und gegenseitig unter Druck setzen.

Warum es die Augen öffnet, sich mit der Theorie der indirekten Steuerung zu beschäftigen, hatte Mario Holzportz, Vorsitzender der Fachgruppe Arbeitsverwaltung NRW, zu Beginn deutlich gemacht. Bereits seit vier Jahren beschäftigen sich die Interessenvertreter hier - in Kooperation mit der Initiative „Meine Zeit ist mein Leben“ - mit dem Thema und sie haben die Erfahrung gemacht: Die Erkenntnisse ermöglichen eine neue Solidarität und mehr Engagement unter den Kolleginnen und Kollegen. 

Das Theaterstück „Yes we burn“ des Theaters Xtrameile (Martina Frenzel und Signe Zurmühlen) aus Köln vermittelte danach einen tollen Einstieg ins Thema. Aus welchen Bereichen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch kamen, ob Krankenkassen, Kliniken, Berufsgenossenschaften oder Agenturen für Arbeit, alle konnten die leidvollen Erfahrungen von Bettina Zimmer (gespielt von Signe Zurmühlen) teilen oder hatten Erfahrungen mit BeraterInnen à la Baumann (gespielt von Martina Frenzel) gemacht. Begriffe wie „Agilität“ oder Resilienz wurden hier aufs Korn genommen und das Publikum spielte beim „agilen Sitzen“ mit - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Sehr gut gespielt, die Realität „zu“ gut dargestellt. Ich fühlte mich berührt und sehr an unsere Realität erinnert bei jedem 3./4. Satz.“ heisst es denn auch im Gästebuch des Ensembles www.xtrameile.de

Wie können wir uns mit indirekter Steuerung auseinandersetzen? Mit dieser Frage befassten sich die Kolleginnen und Kollegen in den Foren „Führung“, „Teamprozesse“ und „Öffentlichkeitsarbeit“. Unter der Leitung von Sigrid Rose erarbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, was Führungskräfte früher getan haben und was sie heute tun. Beispiele für so genannte Führungsdilemmata (widersprüchliche Aufgaben, die an untere/mittlere Führungskräfte gestellt werden) zeigten, in welche Zwickmühle Führungskräfte gestellt werden und wie diese Erkenntnis es ermöglicht, sie als strategische Partner zu gewinnen. 

Stephan Siemens zeigte im Forum Teamprozesse die Reflexion indirekter Steuerung in konkreten Teamsituationen. Wer die Methoden der Arbeits- und Organisationspsychologie kennt, kann diese quasi „gegen den Strich bürsten“ und dafür nutzen, die Auswirkung indirekter Steuerung auf sich und die Kollegen kennen zu lernen. Die Teamzeichnung, die im Plenum gezeigt wurde, machte beispielsweise deutlich, wie sich Aggressionen auf so genannte Low Performer richten, die eigentlich zu knappe Ressourcen zum Ziel haben müssten. 

Im Forum Öffentlichkeitsarbeit erarbeitete Signe Zurmühlen mit den TeilnehmerInnen ein beeindruckendes Rollenspiel, das zeigte, wie Führungskräfte unter Druck gesetzt werden. Martina Frenzel entwickelte mit den Teilnehmern Ideen für einen Aktionstag und für Betriebsversammlungen. Wie können wir im konkreten Alltag immer wieder auf indirekte Steuerung hinweisen und diese thematisieren? (Ein Konzept für diesen Aktionstag wird vom FB Vorstand Köln/Bonn im Rahmen der Mitgliederwerbung in Auftrag gegeben und im ersten Halbjahr 2018 von Martina Frenzel und Norbert Voss, ver.di Köln, umgesetzt).

Einig waren sich alle TeilnehmerInnen, dass es wichtig ist, neue Arbeitsorganisationsformen weiterhin in Seminaren und mit Vorträgen auf Betriebsversammlungen zu behandeln: Indirekte Steuerung ist ein komplexes und spannendes Thema, über das wir als Gewerkschaft ver.di zwingend weiter informieren müssen um gemeinsam unsere Arbeit der Zukunft zu gestalten!